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Wir sind ab nun regelmäßig im CHEMIE REPORT mit einer ÖGMBT-Kolumne mit den neuesten Entwicklungen aus der österreichischen Life Science Szene vertreten. Wenn Sie einen interessanten Beitrag dazu leisten wollen, richten Sie Ihre Anfrage bitte an die Geschäftsstelle!

 

 

Große Ambitionen, wenig Geld?

on 30 April, 2020

Für „Horizon Europe“, das neunte Forschungs- und Innovationsrahmenprogramm der EU, ist eine zukunftswei-sende Struktur erarbeitet worden. Die wissenschaftliche Community setzt sich nun dafür ein, dass die Dotierung ebenso ambitioniert ist.

Es ist das bereits neunte Forschungs- und Innovationsrahmenprogramm der Europäischen Union, das von 2021 bis 2027 das Dach über all die verschiedenen Förderaktivitäten im Bereich Forschung, Entwicklung und Innovation bilden soll. Wie sein Vorgänger Horizon 2020 hat es mit „Horizon Europe“ einen klingenden Namen bekommen – Einigkeit über eine Dotation wurde dadurch aber nicht erreicht. Das Konzept für den Aufbau ist weitgehend ausgearbeitet, in einigen Punkten unterscheidet sich dieser doch deutlich von Horizon 2020. Das Rahmenprogramm ist in drei Säulen gegliedert: In der ersten („Open Science“) sind wie bisher Programme angesiedelt, die eher dem Grundlagenforschungsbereich zuzuordnen sind (das Budget des European Research Council, Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen zur Karriereentwicklung, Aufbau von Forschungsinfrastrukturen), die zweite nennt sich „Globale Herausforderungen und industrielle Wettbewerbsfähigkeit“ und ist in eine ganze Reihe von thematischen Clustern untergliedert: Gesundheit, Kultur und Kreativität, zivile Sicherheit, Digitales, Industrie und Weltraum sowie Ernährung, natürliche Ressourcen, Landwirtschaft und Umwelt.

„Eine Änderung ist, dass in Horizon Europe sich scheinbar widersprechende Themen in einem Cluster gebündelt werden wie z. B. Klima, Energie und Verkehr. Wie sich diese Verknüpfung auch in den Arbeitsprogrammen widerspiegeln wird, wird sich im nächsten Halbjahr zeigen, wenn die Ausarbeitung der ersten Ausschreibungen von Horizon Europe Form annimmt“, sagt Andrea Höglinger, die bei der Österreichischen Forschungsförderungs-gesellschaft FFG für europäische und internationale Programme verantwortlich ist. Die dritte Säule fokussiert auf disruptive Innovationen. Neu ist dabei insbesondere die Einrichtung eines „European Innovation Council“ nach dem Vorbild des bewährten „European Research Council“, bei dem künftig nicht nur Kooperationsprojekte unterstützt werden sollen, sondern auch innovative Projekte von Einzelorganisationen sowie das Scale-up von Unternehmen gefördert werden können.

Ein Aspekt, der noch in Fluss ist, ist die Ausrichtung an sogenannten Missionen. Dabei sollen zu fünf „Mission Areas“ (Anpassung an den Klimawandel, Krebs, gesunde Meere und Binnengewässer, klimaneutrale und smarte Städte, gesunde Böden und Ernährung) gemeinsam mit Bürgern und Stakeholdern konkrete Missionen erarbeitet werden, die den Forschungs- und Innovationsaktivitäten zugrunde liegen und zentrale Brücken zu anderen Politikbereichen bilden sollen. In den bereits gebildeten „Mission Boards“ sind auch österreichische Experten gut vertreten.


Uneinigkeit zu Finanzierung
Das Finanzierungsvolumen für all diese Vorhaben wurde im politischen Diskurs der vergangenen Jahre aber zunehmend hinuntergeschraubt. Am Anfang standen große Ambitionen: Eine Expertengruppe, die vom ehemaligen französischen EU-Kommissar Pascal Lamy geleitet wurde, forderte angesichts einer diagnostizierte Schwäche Europas, Erkenntnisse der Grundlagenforschung in Innovationen zu transformieren, den Etat von 75 Milliarden Euro (Horizon 2020) auf 160 Milliarden Euro aufzustocken. Das Europäische Parlament setzte sich im April 2019 immerhin noch ein Budget für von 120 Milliarden ein, der Vorschlag der Kommission im Juni belief sich nur mehr auf 94,1 Milliarden und sogar die wackeln. Auf einem Sondergipfel zum Budget der Union am 20. und 21. Februar konnte keine Einigung erzielt werden. Zuletzt war nur mehr von einer Summe zwischen 80 und 90 Milliarden für die Forschung die Rede.

In dieser Situation startete die ISE (The Initiative for Science in Europe) eine unabhängige Plattform wissenschaftlicher Gesellschaften der verschiedensten Disziplinen, eine Petition, in der ein Haushaltskompromiss „in der Nähe des Vorschlags des Parlaments“ gefordert wird, der das Engagement der Europäischen Union für Bildung, Forschung und Innovation unterstreicht. In Österreich brachte die ÖGMBT die Petition in Umlauf. In der österreichischen Variante, die sich an Finanz-, Außen- und Bildungsminister richtet, wird auf die Unterstützung einer hervorragenden Grundlagenforschung als strategische Investition hingewiesen, die einen Schlüsselfaktor für die Innovationsfähigkeit und die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen darstelle. Insbesondere fordern die Unterzeichner die Finanzierung von Open Science und die Bereitstellung von Mitteln für die Grundlagenforschung auch in den Säulen 2 und 3.           15 Prozent der Unterzeichner der Petition kommen aus Österreich, das ist der höchste Anteil, den ein Land aufzuweisen hat.

Auch FWF-Präsident Klement Tockner zielt in die gleiche Richtung: „Das Forschungsbudget 2021 bis 2027 muss ausreichend dotiert werden, wobei im Speziellen die themenoffene Forschung gestärkt werden muss. Es gilt, den Wissenschaftlern in Europa Topbedingungen für ihre Spitzenforschung zu bieten, um im globalen Wettbewerb mit den USA sowie den aufstrebenden asiatischen Ländern konkurrenzfähig zu bleiben.“ Bei der Industriellenvereinigung legt man den Schwerpunkt naturgemäß auf die anwendungsorientierten Teile des Programms. Isabella Meran-Waldstein, die Leiterin des Bereichs Forschung, Technologie und Innovation, fordert eine ambitionierte Erhöhung des Horizon-Europe-Budgets auf mehr als 120 Milliarden Euro: „Die industriellen Stärkefelder, in denen Österreich besonders erfolgreich ist und die für die Erreichung europäischer Technologieführerschaft essenziell sind, werden im künftigen Programm in der zweiten Säule liegen. Daher ist es auch besonders wichtig, diese Säule zu stärken und entsprechend mit mehr als 60 Prozent des Horizon-Europe-Budgets auszustatten.“

Die FFG agiert im Auftrag des Bundes und der WKO als nationale Kontaktstelle für das EU-Rahmenprogramm und unterstützt Forscher und Unternehmen beim Einwerben europäischer Forschungsmittel. Wir brauchen Forschung und Innovation für die großen Herausforderungen und Transformationsprozesse, vor denen wir stehen. Ein ambitioniertes Programm erfordert die entsprechenden Ressourcen, exzellente Projekte müssen auch eine realistische Chance auf Förderung haben“, heißt es vonseiten der FFG-Geschäftsführer Henrietta Egerth und Klaus  Pseiner.

Im Bildungsministerium verweist man auf die offizielle Linie der Bundesregierung: Österreich setzt sich gemeinsam mit den Niederlanden, Dänemark und Schweden trotz des Wegfalls von Großbritannien für eine Obergrenze von einem Prozent beim EU-Haushalt ein, „wobei Forschung ohne Zweifel zu den für Österreich prioritären Bereichen zählt“, wie es heißt.

Published in: ChemieReport 02/2020